Die Mitgliederliste von BiNe zeigt immer wieder eine nicht unerhebliche Fluktuation. Alte vertraute Namen verschwinden, neue kommen hinzu. Es ist daher gut möglich, dass einige BiJou-LeserInnen das ZBI nicht kennen. Daher an dieser Stelle hier der Versuch, einen Einblick zu vermitteln, wer oder was sich hinter diesem Kürzel ZBI verbirgt. Vielleicht einige interessante Informationen für die "Neuen" und ein herzliches Winke-Winke für die "Vertrauten"!
ZBI, das bedeutet: Zentrum für bisexuelle Lebensweisen mit Sitz in Berlin. Und damit verbunden sind vor allem zwei Namen: Bettina Wessolowski und Jürgen Höhn. Beide Namen sind den langjährigen BiNe–Mitgliedern noch vertraut: Jürgen war im BiNe-Vorstand vom Frühjahr 1994 bis Herbst 96 tätig. Und Bettina dann die anschließenden zwei Jahre. Heute sind die beiden ein Paar und haben zusammen einen Sohn. Hier Auszüge aus einem Gespräch, das Isabella mit den beiden führte.
FRAGE: Was bedeutet für Euch zbi?
JÜRGEN: zbi, das ist für mich die logische Konsequenz meines Lebens. Ich arbeite seit ca. 20 Jahren körper–psycho–therapeutisch und bin bisexuell. Da lag es auf der Hand, die Erfahrungen meines eigenen Lebensweges auch anderen zugänglich zu machen. Ich habe gegen alle ideologischen Vereinnahmungsversuche von Heten und Homos meinen eigenen Weg finden müssen. Und ich sah, dass sehr viele andere ganz ähnliche Konflikte durchlebten. Also habe ich die "Werkzeuge", die mir halfen, meiner Wahrheit zu finden und dazu zu stehen, für andere Bisexuelle in Form eines Gruppen–Prozesses zur Verfügung gestellt.
BETTINA: Am Anfang waren es Gesprächskreise und Selbsterfahrungsgruppen mit dem Schwerpunkt auf Coming–Out–Problemen. Dann stellte sich jedoch heraus, dass nach der Coming–Out–Phase viele Probleme noch nicht gelöst sind, bzw. neue Konflikte auftreten. Probleme in der Partnerschaft, Eifersucht, Mißverständnisse mit krisenhafter Zuspitzung. So haben wir weitere "Werkzeuge" entwickelt, die helfen sollen im bisexuellen Alltag mit den Klippen und Schwierigkeiten umzugehen.
FRAGE: Welche Konflikte sind denn nach dem Coming–Out für Bisexuelle typisch?
BETTINA: Das hängt von der Lebenssituation ab. Bisexuelle, die in einer Partnerschaft leben und dann zusätzliche Liebesbeziehungen oder sexuelle Verhältnisse eingehen, haben in der Regel Auseinandersetzungen um Treue, Zuverlässigkeit und Verantwortung zu führen. Sie müssen mit ihren eigenen Schuldgefühlen und der Eifersucht, den Ängsten und Verunsicherungen ihrer PartnerIn klarkommen. Sie wollen evtl. auch auf ihre Kinder Rücksicht nehmen. Häufig ist es auch so, wenn der/die PartnerIn anfängt seine/ihre Bisexualität offen in die Partnerschaft zu integrieren, gerät die gesamte Partnerschaftsstrategie ins Wanken. Schwierigkeiten, die im Grunde schon lange bestanden haben, treten nun zu Tage.
"Wie ehrlich oder unehrlich waren wir bisher miteinander?"
"Wieviel Raum für eigene Bedürfnisse war bisher in unserer Beziehung möglich?"
"Bin ich bereit, dem anderen zu zuhören?" "Bin ich wirklich glücklich?"
Diese und ähnliche Fragen tauchen auf und es ist zum Teil schmerzlich, sich den Antworten zu stellen.
JÜRGEN: Singles haben es da etwas einfacher. Wenn sie Singles bleiben wollen! Aber viele pendeln hin und her und fühlen sich nirgends zuhause. Oder fühlen sich von beiden Seiten bedrängt, eine Entscheidung zu treffen, zu welchem Ufer sie denn nun wollen. Nach meiner Kenntnis gibt es für Menschen keine Möglichkeit wirklich glücklich und zufrieden im Leben zu sein, wenn man/frau nicht bereit ist, die eigenen Wahrheit, die eigenen Bedürfnisse und Sehnsüchte ernst zu nehmen und notwendige Schritte zu tun.
FRAGE: Wie kann das zbi hier unterstützen?
JÜRGEN: Wir beraten einzelne Personen und bieten auch Paarberatung an. Unser Schwerpunkt ist jedoch ausgerichtet auf Gruppenarbeit. In verschiedenen Städten bieten wir Wochenendseminare an, in Berlin gibt es z.B. aktuell zwei Jahresgruppen, die wir "Liebe & Wahrheit" nennen, in Bielefeld und Essen werden sie "Bisexualität & Partnerschaft" genannt. Mit verschiedenen Mitteln wie Rollenspiel, Tanz, Selbsterfahrungsübungen, Phantasiereisen, Bewegungsmeditationen und Gespräch versuchen wir die grundlegenden Muster der Konflikte zu verstehen. Wir versuchen, die aus dem Unbewußten wirkenden Hemmungen und Ängste zu bearbeiten, sowie neue Lösungen und Wege zu finden. Große Unterstützung bietet hierbei die Gruppe selbst. Wir schaffen gemeinsam einen Ort, wo in einem vertrauensvollen Rahmen auch heikle Themen angegangen werden. Und das alles in einer Atmosphäre von Freude, Leichtigkeit und Spaß. Schließlich ist es unser Ziel, daß Menschen ihr Leben feiern und ihre Bisexualität genießen.
BETTINA: Unser Ziel ist, unbewußte Hemmungen , welche unsere Lebensfreude blockieren, aufzulösen. Wir wollen das ganze individuelle Potential der Menschen zum Blühen zu bringen, neue Verhaltensweisen gestalten, die Freude, Lust und Glücklichsein ermöglichen. Die TeilnehmerInnen an unseren Seminaren berichten immer wieder, dass sie hinterher von anderen Menschen angesprochen werden: "was ist denn mit dir los? Du hast ja so eine tolle Ausstrahlung!" Es ist in der Tat so, dass sich für viele ganz neue Lebensmöglichkeiten auftun. Ungeahnte Kräfte und Potentiale treten in den Vordergrund. Das Leben macht einfach mehr Spass.
JÜRGEN: Ja, das ist tatsächlich so, wenn Du mit Dir zufrieden und im Einklang bist, voller Lebensfreude, dann zieht das andere Menschen magisch an. Die Erfahrung kennt doch — glaub ich— fast jede(r): wenn es Dir gut geht, kommen die Leute auf Dich zu. Aber sobald es Dir schlecht geht, Du Probleme hast usw., werden die Freunde leider rar! Deshalb sagen wir: jede Liebesbeziehung fängt mit Selbstliebe an! Wenn Du mit Dir nicht glücklich bist, können auch andere mit Dir nur schwer glücklich werden.
FRAGE: Was denkt ihr über Monogamie?
JÜRGEN: Ich bin da in Übereinstimmung mit der Mehrheit der Bevölkerung: Monogamie funktioniert nicht! Der Unterschied zwischen mir und der schweigenden Mehrheit besteht darin, dass ich es laut sage! Die meisten Menschen verhalten sich umgekehrt, sie proklamieren die Monogamie und leisten sich heimliche "Seitensprünge". Nach einer Umfrage eines bundesdeutschen Modemagazins waren von den Befragten Personen 30% der Frauen und 40% der Männer im letzten Jahr "untreu". Ich glaube nicht, dass der Rest aus Überzeugung monogam war, eher aus Mangel an Gelegenheit! Was sogenannte normale Menschen von Monogamie halten kannst du beim Karneval studieren: wehe, wenn sie losgelassen!
BETTINA: Ich höre so oft, das Sexualität etwas so "intimes" sei, dass man/frau es nur mit einem einzigen Menschen teilen könnte. Natürlich muss dafür dann ein "Seelenverwandter" auftreten. Da Beziehungen, die solchermaßen mit Erwartungen belastet sind, erfahrungsgemäß eher nicht gelingen, ergibt das eine sog. serielle Monogamie. Aber wenn es so für diese Menschen möglich ist, im Laufe ihres Lebens mit einem Dutzend Partner ihre "Intimität" zu teilen, warum dann nicht zur gleichen Zeit mit zwei oder drei parallel? Ich glaube, da ist sehr viel Heuchelei im Spiel. Wenn wir Gedanken lesen könnten und die geheimen Wünsche der Menschen erführen, würden wir vermutlich ein ganz anderes Bild erhalten.
FRAGE: Favorisiert ihr die freie Liebe?
JÜRGEN: Wenn du das meinst, was jetzt als "Polyamory" bezeichnet wird, dann ist das sicher ein attraktives Lebensmodell. Allerdings erfordert dieses Modell einen hohen Bewußtseinsgrad. Studiere doch mal die Teilnahmebedingen von Polyamory-Gemeinschaften. Das hört sich oft ziemlich elitär an. Für die meisten Menschen ist dieses Modell nicht der nächste naheliegende Schritt. Ein bißchen mehr sexuelle Befreiung ist allerdings oft sehr hilfreich.
BETTINA: Was uns viel öfter begegnet als Polygamie könnte man eher als emotionale Verarmung bezeichnen. Sehr viele Menschen hungern nach Zuwendung und Akzeptanz, nach emotionalem Berührt-Sein und körperlicher Berührung, nach Gesehen-Werden und Gemeint-Sein! Manche Menschen sind so liebesbedürftig, dass ein Partner allein dieses Defizit niemals decken könnte. Die sog. sexuelle Revolution ist an den meisten Menschen vorbei gegangen, sie hat allenfalls neue repressive Leistungsstandards gebracht. Was wir jetzt brauchen müßte eher eine emotionale Revolution sein, d.h. die Befreiung unserer emotionalen Bedürfnisse von Schablonen und Schranken.