Sie fuhr gerade auf den Autobahnzubringer, als die zweite Welle von Unsicherheit sie zu überrollen drohte. Die Erste hatte sie direkt nach dem Aufwachen gespürt. Sie begann nervös zu werden, ihre Bewegungen waren fahrig, und in ihrer Brust war so ein nervöses Kribbeln. Sollte sie wieder umdrehen und nach Hause fahren? Nein, jetzt war es soweit, sie wartete schon seit langem darauf und die Neugier siegte. Aber auf was wartete sie eigentlich? Sie wusste keine Antwort, da war nur diese leise Ahnung im letzten Winkel ihrer Seele, die ihr sagte, da muss es doch noch etwas anderes geben, an diesen fremden Wesen: den Frauen. Obwohl sie selbst eine Frau ist, waren ihr diese Wesen so fremd. Und seit sie ihre Attraktivität entdeckte, wurde es nur noch schlimmer. Was ist denn an ihnen eigentlich anders? Sind wir nicht alle Menschen, nur mit anderen Körpern?
Die Frauen, die sie bis jetzt kennengelernt hatte, waren undurchschaubare Wesen. Obwohl es schon einige sehr offensichtliche Strategien gab, Männer zu beeindrucken. Sie kannte diese Posen und Gesten selbst und sah das bei anderen Frauen dadurch sofort. Warum nur die Männer das nicht wahrnehmen konnten? Tussis, so nannte sie diese Frauen, darunter verstand sie unsichere Wesen hinter kunstvoller Fassade aus Make-Up und Images, die nur durch die Bestätigung von Männern existieren konnten. Und andere Frauen so sehen und behandeln, wie es ihrem negativen Frauenbild entspricht... Das schlimmste an diesen Frauen war aber diese ständige Konkurrenz. Wenn sie im Fitnessstudio unter der Dusche stand, betrachtete ihre Nachbarin mit größter Aufmerksamkeit die Dellen in ihren Oberschenkeln, um triumphierend festzustellen, dass sie eine weniger hatte. In der Gesellschaft dieser Frauen fühlte sie sich äußerst unwohl. Da waren ihr sogar die Männer lieber, sie betrachteten ihren Körper unter anderen Gesichtspunkten. Ach ihr Körper... war sie überhaupt schön genug für Bisexualität? Sie war lange Zeit sehr schlank und trug Kleidergröße 36, aber in den letzten Jahren hatte sie mit einem Mal über 20 Kilo zugenommen. Das hatte sie diesem ständigen Verlangen nach Süßigkeiten, besonders nach Schokolade und Kuchen, zu verdanken, aber sie hatte auch ansonsten einen guten Appetit. Sie griff zur Schokolade und erreichte nun endlich die A 3 Richtung Norden. Ein Wochenende nur mit Frauen, was das wohl gibt?
Fast berauscht mit einem breiten Grinsen im Gesicht, das sie einfach nicht mehr abstellen konnte, fuhr sie die ersten Kilometer Richtung Heimat. Sie hatte das ganze Wochenende in einer anderen Welt verbracht, die sie immer noch gefangen hielt. Es war eine Welt voller Wärme, Angenommen-Werden, Hingabe, Liebe, Zärtlichkeit, spontaner Gefühle, Solidarität, Umarmungen, Berührungen, Geborgenheit und vor allem Weiblichkeit. Erst jetzt begriff sie, was Weiblichkeit wirklich bedeutet.
Oh nein, fremd waren ihr diese Wesen nicht, im Gegenteil. Es war wie eine Begegnung mit ihrem wahren "Ich". Wie lange hatte sie auf dieser Welt gedacht, allein zu sein. Keiner hatte sie bisher wirklich verstehen können, keiner — das waren die Männer. Na ja, es gab schon einige Exemplare (darunter auch ihr Geliebter), die sich Mühe gaben, zuhörten, aber wirklich verstehen ist etwas anderes. Es heißt, so etwas selbst zu kennen und schon erlebt zu haben. Es waren 37 tolle Frauen in einem wundervollen Haus von Frauen für Frauen.
Viele Frauen faszinierten sie, sie waren so weiblich, standen ihren Gefühlen so nah. Wie konnte sie nur jemals annehmen, dass sich nur die Körper von Mann und Frau unterschieden?
Es gab himmelweite Unterschiede: sie hatten andere Seelen!
Eine plötzliche Euphorie überkam sie: Frauen sind so wunderbar!!! Plötzlich brachen die lange unterdrückten Gefühle aus ihr heraus. Die Tränen liefen ihr nur so über die Wangen. Aber es waren keine Tränen der Trauer, es waren Tränen der Befreiung. Sie erkannte nun, zum ersten mal in ihrem Leben war sie richtig satt, emotional gesättigt. Das ganze Wochenende hatte sie nicht einmal an Schokolade gedacht. "Frauen, Frauen, Frauen so weich und zart, so einfühlsam und stark," ging es ihr durch den Kopf. Ist das nicht wahre Lösung, die einzig richtige Lebensweise? Wozu Männer?... Und was das anbelangt, die Spielzeugindustrie für Erwachsene ist nicht gerade unkreativ. Wenig später, noch mit Tränen in den Augen, schloss sie ihre Wohnungstüre auf und da stand er. An die Türe gelehnt, die haarigen Arme an die Hüften gestützt. Erwartungsvoll und mit kritischem Blick schaute er sie abtastend an. Plötzlich überkam sie ein ungebändigtes Verlangen. Seine männliche Ausstrahlung war so stark und so anziehend und so sexy. Sie konnte es nicht mehr abwarten, sie wollte seinen Körper spüren... und sie spürte ihn viel stärker als je zuvor. Oh ja, mmmhhhmmm, Bisexualität ist etwas Wunderbares.
Danke, an die Orga-Frauen und jede einzelne Frau, die dieses Wochenende für mich unvergesslich gemacht haben!
Melanie