Blind Date in Wien. Nach Mail–Kontakt und kurzem Telefonat bin ich in der Kunsthalle mit Gabriele von der Wiener Bi–Gruppe verabredet. Wie wir uns erkennen? Kein Problem, hat sie gesagt. Sie sei eine auffällige Erscheinung: sehr groß, sehr dünn. Auffällig eben. Ich komme ein wenig zu früh, sie ein wenig zu spät. Zeit genug, mehrere Frauen auf ihre auffällige Erscheinung anzusprechen. Nicht die schlechteste Art, Kontakte zu machen. Gabriele erkennt mich an meinem 'Flinserl'. So sagt der Wiener zu meinem Ohrstecker. Gabriele ist tatsächlich eine auffallende Erscheinung. Und wir verstehen uns sofort. "Die Bi–Gruppe in Wien ist gerade erst im Aufbau", hatte sie in ihrer Rundmail geschrieben. "Wir hoffen also auf euren support und treffen euch unter der Biprideflagge!"
Gabriele hat die bunte Flagge selbst genäht. Als ich am nächsten Tag zum vereinbarten Treffpunkt komme, ist sie heilfroh, mich zu sehen. Außer der Flagge gilt es nämlich auch noch ein großes, etwa drei Kilo schweres Schild mit der Aufschrift 'bipride' zu tragen. Die Veranstalter achten mit königlich–kaiserlicher Genauigkeit auf die Einhaltung der genauen Marschordnung. Wir sollen im Zug unter der Nummer 49 marschieren. Spätestens hier kann ich mir den Kalauer nicht verkneifen: die Wiener Bi-Gruppe ist riesig! Gabriele mit ihre Länge von 1,86 ist an diesem Tag nämlich die einzige, die gekommen ist — außer mir, dem aus Norddeutschland herbeigeströmten 'support'. Dabei hatte sie hunderte von Flyern verteilt und geklebt. Sogar auf Herrentoiletten, wie sie versichert. Aber die Wiener seien halt "a bisserl feig". Sauer ist Gabriele vor allem auf ihre vielen Künstlerkollegen, die ihre les–bi–schwule Identität sorgsam verstecken. "Wien ist andersrum" lautet das offizielle Motto und tatsächlich flatterten einen Monat lang an allen Straßenbahnen die Regenbogenflaggen. Und nicht nur im bunten Festzelt auf dem Sigmund-Freud-Platz gab es vier Wochen lang ein pralles Programm. "Andersrum" geht nun auch der Zug: er führt über den als Einbahnstraße befahrenen 'Ring' — in verkehrswidriger Richtung. Bevor wir uns in Bewegung setzen, kringele ich das 'bi' in unserem Schild dick und rot ein. Aber außer, daß es den geborgten Lippenstift ruiniert, bringt die Aktion wenig: die Wiener Bi–Gruppe bleibt zu zweit. Und immer wieder passiert es, daß wir von der nachfolgenden Gruppe vereinnahmt werden. Irgendwann gefällt uns das, denn die "Gays und Lessis" aus Estland, Lettland und Littauen bekommen jede Menge spontanen Applaus. Gabriele und ich machen also auf baltisch und lächeln geschmeichelt zurück. Für die Wiener, von denen manche auf Klappstühlen am Straßenrand sitzen, ist der Europride ein großer exotischer Karneval. Zwischen allen den Federhintern, Netzstrümpfen und drall geschnürten Korsagen nimmt sich unsere zweiköpfige Bi–Gruppe ziemlich brav aus. Aber vielleicht sind wir für die zuschauenden Normalbürger ja die viel größere Provokation: Wir sehen aus wie sie.
Die Abschlußkundgebung findet auf dem Heldenplatz statt. Dort wo Hitler den Anschluß Österreichs an Großdeutschland proklamierte, tummelt sich heute die multinationale Community und fordert lautstark die Streichung des anachronistischen § 209, der für schwule österreichische Männer noch immer ein Mindestschutzalter von 18 Jahren vorsieht. Natürlich gibt es jede Menge Reden, und dank eines Simultan-Dolmetschers weiß ich jetzt auch, wie "Haider muß weg!" in der Gebärdensprache heißt. Aus Deutschland kommen eine vom Blatt gegähnte Grußbotschaft aus Hamburg und eine wohltuend kämpferische Claudia Roth: "be proud to be out !" Nach reichlich Wort dann ein echtes Gegengewicht: die pfundigen Weather Girls mit ihrem programmatischen "we are family" und "it's raining men". Der Platz tobt. Aber Wien wäre nicht Wien, wenn es zum Schluß nicht ein paar Wiener Walzer gäbe. Dazu die launige Ansage, sich einfach jemanden den man "lecker" findet zu schnappen und mit ihm/ihr zu tanzen. Sehr viele finden sich "lecker" und so ist zur rauschig-schönen Musik eine Viertelstunde lang auch das Scheppern von Getränkedosen auf dem Pflaster zu hören.
Hat sich die Reise für mich gelohnt ? Allemal. Und ich kann jeder/m nur empfehlen, überregionale Bi–Kontakte wie diese großzügig auszukosten. Daß ich mich am Ende dann ganz konventionell als Hetero angesprochen fühlte, gehört zu den schönen Überraschungen des Bi–Lebens. Andersrum, immer wieder andersrum.
Wien ist andersrum!–Peter Bauhaus