Wer waagt, gewinnt

Jürgen Höhn, bijou 17, April 2001

Aus den USA kommt ein neuer Trend: Gesundbeten von Homosexuellen. Achtung, auch wenn das alles hier sehr komisch wirkt, das ist keine Satire! Die großen Religionsgemeinschaften der Vereinigten Staaten haben ihre eigene Abteilung zur Bekehrung von Schwulen und Lesben gebildet. "Exodus" (Protestanten), "Courage" (Katholiken), "Evergreen" (Mormonen) oder NARTH (säkulär) bemühen sich, Homosexuelle umzudrehen, zu heilen.

In großen Anzeigen–Kampagnen werden ehemalige Schwulen und Lesben vorgestellt, die jetzt "glückliche" Heten sind. In speziellen Kursen wurde diesen Menschen beigebracht, wie man/frau richtig sitzt (maskulin: rechtes Bein über linkes Knie schlagen; feminin : Füße nebeneinander, Knie zusammengepreßt), wer sich schminken darf (feminin: ja; maskulin: nein), wer am Auto basteln darf (feminin: nein; maskulin: ja) und weitere nützliche Dinge.

Zu dieser Gehirnwäsche sind die Leute aber nicht deshalb bereit, weil sie in den Himmel kommen wollen, sondern weil sie die Hölle auf Erden erlebt haben. Wiederholte und andauernde Erfahrung von Gewalt, Häme und Spott haben viele bewogen, zu versuchen, in die Anpassung an die "Normalität" zu flüchten.

Die Kehrseite der Medaille: Viele amerikanische Psychologen warnen inzwischen vor der Konversionstherapie. Empirische Studien zeigen, daß der größte Teil der "Bekehrten" sich weiterhin als homosexuell erlebt, dies aber nicht mehr auslebt, nur eine kleine Gruppe hat die eigene Sexualität völlig umgekrempelt. Nach psychologischen Kriterien müssen die meisten Absolventen der Konversionstherapie als "durch die Therapie psychologisch schwer geschädigt" gelten.


Warum sind diese Zusammenhänge für bisexuelle LeserInnen interessant?

Erstens: Hier zeigt sich deutlich die latente Bisexualität des Menschen, also die Möglichkeit, daß die sexuelle Lebensweise hin und her pendelt. Stell dir, als vereinfachtes Modell, die sexuelle Orientierung eines Menschen vor, wie die Neigung einer Waage. Dann gibt es Faktoren im Leben, die (wie ein Gewichtsstück auf der Waage), Anlaß zu einer Neigung sind. In Abhängigkeit davon, auf welche Seite das Gewichtsstück einwirkt, neigt sich die Waage nach links oder rechts.

Wir wissen nicht, welche äußeren oder inneren Faktoren im Leben die sexuelle Präferenz eines Menschen bestimmen, aber bei vielen ist die Neigung zu einer Seite deutlich. Manchmal kommen neue Erfahrungen im Laufe des Lebens dazu und plötzlich neigt sich die Waage zur anderen Seite. Und obwohl wir die Faktoren, die die Neigung der Waage beeinflussen, nicht kennen, müssen wir uns der Neigung hingeben, wenn wir nicht krank werden wollen.

Neben dieser inneren Waage und ihrer Neigung gibt es dann noch eine äußere Haltung, einen Lebensstil, eine Selbstdefinition, also eine äußere Waage.

Auch diese äußere Waage kann ihre Neigung ändern. In die Richtung von mehr Authentizität, wenn sich die äußere der inneren Neigung angleicht oder in Richtung Anpassung, wenn sich die äußere Neigung von der inneren entfernt, weil jetzt neue Gewichte in die äußeren Waagschalen fallen.

Zweitens: Hier zeigt sich die Manipulierbarkeit des Menschen. Die Konversionstherapie erzeugt einen weiteren Druck auf die Menschen, wie ein zusätzliches Gewichtsstück, das auf die obere Waagschale der äußeren Waage geworfen wird: die Neigung der Waage schlägt um! Unter dem Druck gesellschaftlicher Ächtung unterwerfen sich Menschen, die bisher homosexuell gelebt haben, dem normativen Anspruch der Heterosexuellen. Dieses Prinzip wirkt schon seit Jahrhunderten perfekt.

Aber, weil die außen sichtbare Neigung mit der inneren Neigung nicht übereinstimmt, wirkt diese Dissonanz pathogen. Die Angepaßten sind psychisch gestört. Ich interpretiere hier daher die Konversionstherapie als eine zusätzliche Dressur, um die Wahrnehmung der inneren Neigung zu erschweren und ein Ausleben zu unterdrücken. Mit der Konsequenz der psychischen Zerrüttelung.

Drittens: Hier zeigt sich die Gefahr, in der Bisexuelle leben. Denn oft geschieht es, daß Menschen mit manifester Bisexualität unter dem Druck (: entscheide dich!) der Situation, oder wegen der eigenen Ansprüche an sich selber oder aus Mangel an Mut für den eigenen Weg, bereit sind, einen Teil ihrer sexuellen und emotionalen Wünsche zu amputieren, damit wenigstens eine Beziehung problemlos laufen kann. D.h., um sich selber vor dem Gefühl von Zerrissenheit, die/den PartnerIn vor Eifersucht und Verlustängsten sowie die Partnerschaft vor zermürbenden Konflikten zu schützen, wird die Wahrnehmung von wechselnden Neigungen unterdrückt.

Wenn die sogenannte phasenhafte Bisexualität, also die zeitweise Beschränkung auf mal diese, mal jene Seite der sexuellen Vorlieben, dem wechselhaften Verlauf der inneren Neigung entspricht, ist alles in Ordnung. Wenn aber jemand in seiner jetzigen Partnerschaft die Impulse und Wünsche nach der anderen Seite spürt und denen nicht folgt, d.h. in unserem Bild: die äußere Neigung wird konstant gehalten, obwohl die innere Neigung längst auf der anderen Seite ist, dann ist möglicherweise mit pathologischen Folgen zu rechnen.