"Wie gut ein Schriftsteller ist, zeigt sich in seinem schlechtesten Werk." Wer hat das gesagt? Die Antwort wird am Schluß gegeben, zunächst soll dieser Satz seinen Zweck als Einleitung einer Beurteilung von Oscar Wilde als Dichter erfüllen. Er besagt: jedem kann einmal etwas gelingen, aber wie schlecht man eigentlich ist, das erkennt man nur an seinen schlechten Werken, an den Sumpfblüten. Nicht die wohlriechende Knopflochlilie am Frack interessiert, sondern das Moos zwischen den ungewaschenen Zehen. Mit einem Wort: Wie viele Fehler schafft es ein Autor zu vermeiden?
Zunächst: welches von Wildes Werken ist wirklich und unumstritten schlecht? Die Gedichte, sagen viele, und einige sagen: der Dorian Gray. Dorian Gray, Dorian Gray ... dunkel erinnert man sich: das ist dieses Buch, das keiner liest, aber jeder gelesen hat. Schülerlektüre, nicht Schullektüre: sie wird außerhalb der Anstalten goutiert. Und da das ästhetische Empfinden des Schülers noch nicht so delikat ist wie das des elaborierten Dandys, so wird ihm dieses Buch womöglich in positiver Erinnerung geblieben sein. Positiv an dem Roman ist unzweifelhaft, daß er nur dreihundert Seiten lang ist. Bücher über dreihundert Seiten sind schlichtweg eine Zumutung: was kürzer ist, kann nicht vollkommen schlecht sein. Wilde hatte genug Formgefühl, danach zu handeln, und damit disqualifiziert sich Dorian Gray für diese Untersuchung.
Also die Gedichte? Hier findet sich mehr Material. Verse wie die folgenden, willkürlich aus der Gesamtausgabe (London, 1966) gegriffen, darf man ganz einfach nicht schreiben, geschweige denn veröffentlichen:
To my wife (with a copy of my poems). // I can write no stately proem / As a prelude to my lay; / From a poet to a poem / I would dare to say. // For if of these fallen petals / One to you seem fair, / Love will waft it till it settles / On your hair. // And when wind and winter harden / all the loveless land, / It will whisper of the garden, / You will understand.
Das ist Gelegenheitslyrik, also vorzüglich zur Untersuchung geeignet. Die Wortwahl ist (bis auf proem) ziemlich banal, das Versmaß nicht konsequent durchgehalten, der Inhalt einfallslos, die Bilder abgedroschen, die Reime: das ist "Reim–dich–oder–ich–fress–dich". Kitsch, und schlechtes Handwerk. Er hat aus dem Anlaß nichts gemacht, das ist das Manko! Ja, das ist wirklich ein richtig schlechtes Gedicht. Hat Wilde irgendwelche Fehler ausgelassen? Tatsächlich: Rechtschreibfehler. Obwohl man sich wünschen würde, die erste Zeile lautete bekenntnishaft: I can write no stately poem ...
Wilde also ist imstande, richtig schlechte Arbeit zu leisten. Nach unten gibt es bei ihm keine Grenze, sein "unterstes Niveau" liegt ziemlich niedrig. Ein schlechter Dichter? Zu den allergrößten Dichtern gehört er sicherlich nicht. Allerdings hat er ein ausgeprägtes Stilempfinden, das es ihm auch ermöglicht, sich über dieses Niveau zu erheben — auch, wenn es ihn leider nicht daran hindert, solche Verse zu veröffentlichen (erschienen in Book-song 1893). Nun ist Wilde sein ganzes Leben lang angegriffen worden, wegen seines exzentrischen Lebensstils, wegen seiner "unmoralischen" Literatur, aber auch wegen der Qualität seiner Literatur. Ohne Frage war ihm klar, daß letztere Angriffe nicht unberechtigt waren. Genauso wie die wegen "Unmoral" und wegen seines Lebenswandels.
Es stellt sich die Frage: warum Oscar Wilde lesen, was kann er uns heute noch geben? Außer dem ästhetischen Vergnügen an (vielen) seiner Werke. Lernen kann man von ihm wenig, was die Kunst angeht: sein Standpunkt des "L'art pour l'art" ist je nach Zeitgeist aktuell oder überholt. Revolutionär oder auch nur spektakulär ist das nicht mehr; die Diskussion darüber ist redundant. Wilde ist keine Inspirationsquelle mehr. Folgt man ihm nach, lebt und schafft man als Dandy, wie es Detlev Meyer getan hat, der am 30. Oktober seinen ersten Todestag "feiert", dann muß man es erleben, daß die Welt darüber gleichgültig hinweggeht — und mögen die Früchte seines Strebens auch noch so gut sein! Der Unterschied zwischen Meyer und Wilde, wenn dieser Vergleich erlaubt ist, besteht darin, daß Meyer dem "L'art pour l'art" ungehindert leben konnte, ohne Anstoß zu erregen — während schon die Statuierung von Wildes Standpunkt zu Beginn des Jahrhunderts eine Provokation war. Der Unterschied ist, daß der eine am Anfang, der andere am Ende dieses Jahrhunderts starb, der eine an der Gesellschaft, der andere an AIDS.
Wenn Oscar Wildes Ästhetizismus also provozierte — was er getan hat — wenn sein Standpunkt an sich schon Provokation war, dann diente er auch einem Zweck — denn sonst hätte er nicht provoziert. Wildes' Ziel war es, eine Tarnung aufzubauen. Eine Maske, die es ihm erlaubte, seine "perversen" Gelüste auszuleben, und zwar in demonstrativer Offenheit. Das tut er in der Literatur wie in der Realität: so verbindet er beide Welten. Es ist der (oftmals verzweifelte) Versuch, ein Schönes Leben zu führen, die Schönheit der Kunst in die Häßlichkeit des Alltags zu transferieren — ein Wechsel, der uneingelöst bleibt; das Außergewöhnliche wird niemals alltäglich. Beziehungsweise, nur auf Kosten seines Wertes. Dann wird es hohl, wird es schal. Man könnte an dem Gelingen dieses Projektes verzweifeln — wie Ludwig II.
Das ist es aber nicht, was Oscar Wilde bedeutungsvoll macht; hierin ist er nicht originell, hier hat er schon in der Antike Vorläufer. Oscar Wilde steht für die Freiheit, für die Freiheit des Einzelnen, für die Unabhängigkeit von der Herde. Für die Gestaltung des Lebens nach dem eigenen Geschmack, nach den eigenen Bedürfnissen. Und für das Ausleben der eigenen Lust. Dem "Reproduzieren!" setzt er ein "Genießen!" entgegen. Und er tut es offen, er spielt sogar damit: das "Spiel" gegen den "Ernst" der industriellen Welt. Das ästhetisiert er und macht es zum Gegenstand seiner Kunst: er propagiert es.
Das ist ein Angriff auf alles, was dem Gewerbebürgertum heilig ist, ein Angriff an allen Fronten, und das erklärt den Haß, mit dem die Gesellschaft ihn belegt hat. Oscar Wilde: "Der Fleiß ist die Wurzel aller Häßlichkeit". Das ist ein guter Aphorismus — aber was, wenn er ein Kampfruf ist? Dann untergräbt er die Arbeitsmoral. Solange das also Spiel ist — Spiel scheint — scheint es die Gesellschaft zu tolerieren. Wenn die Öffentlichkeit merkt, daß Wilde nicht spielt, was er zu spielen vorgibt, sondern lebt, ist es mit ihrem Gefallen an diesem Paradiesvogel vorbei, und die vermeintliche Toleranz schlägt in brutalste Intoleranz um.
Zwei Jahre Gefängnis, zwei Jahre Zwangsarbeit. Es war absehbar, daß ihn das zerstören würde, sowohl psychisch als physisch. Trotzdem ist er nicht geflohen. Warum? Nur zwei Gründe sind möglich, und beide werden sie zutreffen. Erstens, weil er sich selbst treu bleiben mußte, wenn nicht alles, für das er steht, seinen Sinn verlieren sollte. Es ging um die Glaubwürdigkeit seiner Literatur und seiner Selbst; Fliehen hieß sich selbst verleugnen. Zweitens, weil er erkannt hatte, daß es alles keinen Sinn hatte. Daß der Dorian Gray, in dem er Schönheit und Freiheit an Geist und Körper verkörpert sah, doch nichts anderes war als Bosie, das skrupellose aristokratische Flittchen. Dies als Beispiel: Bosie ist die Verkörperung der Erkenntnis, daß die Schönheit im Alltag entweder nicht besteht oder aber ihren Wert verliert. Sofern der jemals vorhanden war. Wilde mag darin eine Relativierung seines gesamten Werkes gesehen haben. Und damit stellte sich ihm die Frage, was er noch tun konnte, für die Kunst, für die Menschheit und für sich. Es blieb nur, diese Last auf sich zu nehmen, die die Umwelt ihm auferlegen wollte. Also: sich kreuzigen lassen für die Freiheit des Einzelnen. Für den Glauben an die Möglichkeit der Schönheit. Für das Spielerische, auch und gerade im Sex.
Oscar Wilde demonstriert uns Haltung. Er zieht sein ästhetisches Programm konsequent durch, in der Literatur und im Leben, und er verwirklicht seine Freiheit gegen alle äußeren Widerstände. Wenn er dabei im Kampf gegen die Gesellschaft unterliegt, dann flieht er nicht, sondern er nimmt deren Sanktionen auf sich, mit Haltung. Und damit siegt er. Heute ist er in England nicht mehr persona non grata, sondern Heros: heute widmet auch die British Library ihm Ausstellungen und Vortragsreihen. Und dabei versammelt sich das professorale Bildungsbürgertum mit der obligatorischen Lilie im Knopfloch auf der Bühne. Ein Zeichen des Sieges?
Wer seinen Sex genießt, der gedenke heute Oscar: er ist für ihn gestorben. Sicher, man muß ihm nicht in jede Exzentrizität folgen, aber man sollte wissen, was er für uns alle getan und auf sich genommen hat. In Wilde wird in exemplarischer Weise Kunst zur Avantgarde, zur Vorkämpferin der Freiheit der Menschen, aller Menschen, nicht nur der Künstler. Also genießen wir das Leben, leben wir spielerisch, und spielen wir mit der Sexualität. Diese Nacht sei Oscar Wilde gewidmet! Gedenken wir seiner - und lesen wir ihn. Das sind wir ihm schuldig. Wir werden es nicht bereuen (ähem).
P.S.: Der Ausspruch am Anfang ist von mir.