Das Ganze, also mein Coming–Out mir selbst gegenüber, begann 1990, in einem Programmkino in Berlin, mit dem Film "Warum nicht?!" Ich saß dort auf meinem Platz mit nur noch einem Gedanken, " Das ist von dir, so will ich leben!"
Allerdings hatte ich noch keinen präzisen Wortschatz dafür, denn ich fühlte nur ganz tief in mir, das da dieses Begehren ist. In einer Gemeinschaft von Menschen zu sein, die für alle Lebensformen offen ist und diese auch verantwortungsvoll leben (wollen). Ein Filmtraum, sicher, der seither mein Lebenskonzept ist.
Aber, — es gibt ja keine Zufälle(!)— kurz darauf gab es eine Anzeige in der Berliner Stadtzeitung "Zitty", in der bisexuelle Veranlagungen und Lebensweisen angesprochen wurden. Bei der Tel.Nr. habe ich dann auch gleich angerufen und hörte zunächst einmal das Übliche, wie: "Wie drückt sich dein Bi–Gefühl aus?, was erwartest Du von uns? Was suchst Du? und wie können wir dir helfen?... Dann kam der Satz, der mir noch heute im Ohr nachklingt: "Wir fahren nach Groß–Bademeusel,..."
Erzählt wurde auch etwas von Deutschlandtreffen und Vereinsgründung etc..
"Was, ich soll da mit? Ja, man hätte noch einen Platz frei, aber ich müßte kurzfristig verfügbar sein, hieß es. Kein Problem. Wo ist denn Groß–Bademeusel? Irgendwo in der Nähe von Forst".
Mein Gott ich bin Wessi, die Orte hätten auch irgendwo in Sibirien liegen können. Während der Autofahrt dorthin, war ich überzeugt, dort liegen sie auch, denn die ganzen Ortsnamen waren mir so fremd. Das war der `wilde Osten´, die Gegend glich eher einer Mondlandschaft des Tagebergbaus und wir hatten uns natürlich verfahren. Es wurde dunkel, irgendwo in der Ferne ein Zug der sein Licht durch die Nacht brachte (so kitschig kann die Wirklichkeit sein), das war so unwirklich.
Eine Ortschaft irgendwo in der Nacht des Ostens, ein paar Häuser an der Landstraße, wir klingelten etliche Male. Zögerlich war der Mann, der uns dann die verworren klingende Auskunft gab, eben ein Einheimischer der wußte wo er war, (ganz im Gegensatz zu uns). Aber, wir sind angekommen.
Mir kam es so vor als hätte ich eine Zeitreise hinter mir; ab in die 50er Jahre. Die Gebäude, das Essen, das ganze Dorf, alles mutete an die Nachkriegszeit in der BRD an. Es folgte die Verteilung auf die Zimmer, mir fiel schon hier die offene und auch informelle Atmosphäre auf. Die Begrüßung zeigte mir wieder wie professionell alles lief, (mir hat sich das "Spiel mit den stillen Freunden/Helfern" am meisten eingeprägt). Dem Regen zum Trotz haben wir eine Schnitzeljagd gemacht, die allen riesig Spaß machte.
Am Samstag folgten die Arbeitsgruppen, wie über die Vereinsgründung, die Namengebung (wie z.B.: Bi–Nee, Bi–Me, Bine etc.), denn wir durchdachten, was wohl in den Köpfen der Leute vorgehen mag, wenn sie BiNe erstmals hören. Ich fühle mich heute daran erinnert, wenn ich an die CSD–Diskussionen denke. Es wurde auch gleich eine Gruppe zum Thema BiNe–Symbol ausgerufen. Denn Jemand kannte Jemanden da ginge das ganz schnell, spätestens bis zum nächsten Treffen. Es wurde dann etwas später und auch daran hat sich nichts geändert (grins).
Wie wir Alle heute wissen, haben wir uns schließlich auf BiNe geeinigt.
Weiter wurde auch über verschiedene Sexual–/ und Lebensformen hitzig und heftig diskutiert. Anfangs war es für mich eine gewöhnungsbedürftige Sache, diese selbstverständliche Art mit Sex aller Schattierungen so umzugehen. Doch eben diese offene Art hat mich zugleich auch für die BiNe begeistert.
Nach einem anstrengenden Tag mit Arbeitsgruppen und fremden Leuten, feierten wir noch zusammen das Geschaffene und irgendwann hieß es dann endlich schlafen gehen.
Am Sonntag gab es, schon damals, die "Abschiedszeremonie" nach dem Frühstück und ich dachte, "mein Gott, ob ich heute noch nach Berlin komme?". Und da sehe ich das manches eben einfach Bestand hat und dazu gehören halt auch die Begrüßungs– und Abschiedsrituale. Mit so vielen neuen Eindrücken und Überlegungen saß ich dann wieder im Auto in Richtung Berlin und trat meine Zeitreise zurück an.
Seitdem hat sich in meinem Bi–Bewußtsein viel verändert und mir ein Mehr an Lebensqualität dadurch gebracht. Daran hat die BiNe auch ihren Anteil und hier sei ein Dank gesagt, an die Gründer–Mütter und –Väter!!! Ohne sie wären wir heute vielleicht nicht da wo wir sind (bald beim nächsten Treffen in Meschede).
Euer Karl–Heinz