Eine Frage des Blickwinkels

Hartmut Friedrichs, 3. Dezember 2001
Zu "aktuell"




Prolog:

Stellen wir uns einmal eine Welt vor, in der jeder Mensch im Laufe seines Lebens emotionale, soziale, erotische, sexuelle Gedanken, Gefühle, Phantasien, Handlungen zu anderen Menschen hat, hält, entwickelt. Die andere Menschin ist (meistens) Frau oder Mann. Ob Frau oder Mann, ist für die Gefühle, Handlungen ... schon wichtig, aber unser Mensch macht sich nicht die geringsten Gedanken darüber, was für Konsequenzen die Einordnung seiner PartnerIn in die beiden Töpfe Mann oder Frau für ihn und den Rest der Welt hat.

Er denkt nicht darüber nach, ob er deswegen in die Hölle kommt, was die restlichen 10 Milliarden Menschen dazu sagen, und ob er überhaupt
DARF

 

Eine Vermutung:

Es gibt keine Bisexualität.

 

Es gibt keine Homosexualität.

Es gibt keine Heterosexualität.

 

oder:

Es gibt sie doch.

Aber – als was?

 

 

 

Historischer Ausflug Nr. 1

Einige Vermutungen:

Teil 1

1. Im Zuge der Höherentwicklung der Tiere und des Menschen verliert die Bindung der Sexualität an den Fortpflanzungszweck an Kraft, spätestens beim Menschen gibt es Sex ohne Fortpflanzung.

2. Bei verschiedenen höheren Tierarten kommen in verschiedenen Lebensaltern homosexuelle Verhaltensweisen vor — sei es zur Einübung von Verhaltensweisen, aus jugendlichem Spieltrieb oder aus sozialen oder anderen Gründen. Bei den Bonobos (Zwergschimpansen) ist bisexuelles Verhalten ein unentbehrlicher Teil des Sozialverhaltens.

Quizfrage: Waren die Menschen vor 20.000 Jahren hetero oder bi?

 

Teil 2

Die Menschen setzen sich im Zuge ihrer Höherentwicklung mit ihrer Umwelt und mit sich selbst auseinander und versuchen sie zu begreifen, in Märchen, Mythen, Sagen, Legenden, Religionen, Theorien, Philosophien stellen sie ihre Welt dar.

Irgendwann entstand die Lehre (denn am Anfang, als die Menschen noch gar nicht sprechen konnten, gab es noch keine Lehren oder Theorien), daß die Sexualität beim Menschen nur um der Fortpflanzung willen sei — immerhin einige Millionen Jahre, nachdem dieser Satz zum letzten Mal richtig war.

Irgendwann zwischen dem Jahr 5.000.000 vor Christus und 2001 nach ihm entstand auch die Lehre, daß die Sexualität des Menschen eine ganz natürliche Sache sei. Deshalb dürfe sie sich nur nach seiner biologischen Anlage richten — genau wie Kleidung, Behausung, industrialisierte Nahrung, Handel und Wandel, Kultur und Industrie, die auch heute noch genau so aussehen, wie damals, als wir in der ostafrikanischen Savanne gerade das Laufen lernten.

Ende des historischen Ausflugs Nr. 1

 

 

Die Monosexuelle Ideologie

Ich spreche nur von der monosexuellen Ideologie, nicht von Monosexualität, weil der Begriff Monosexualität nur wenig klassifizierende Kraft hat und wegen meines Mißtrauens gegen die "-täten". Unter Ideologie verstehe ich eine Lehre, die auch dadurch sich zu verteidigen und auszubreiten sucht, daß sie sich gegenüber Kritik von außen mit verschiedenen Mitteln stabilisiert und abschottet.

Ihr Inhalt:
Menschen lieben, begehren, verkehren sexuell mit, haben erotische Phantasien über ... andere Menschen des gleichen oder des anderen Geschlechts. Ein Drittes gibt es nicht. Der Topf, in den sie gehören (Homo oder Hetero), ist ihre angestammte Heimat. Alles andere ist nur Herumtreiberei.

 

Zunächst einmal wird jedesmal, wenn irgendwo auf der Welt ein Mensch zu einem Partner mit anderem Geschlecht als der letzte Partner wechselt, diese Theorie widerlegt.


Die Befürworter der Monosexuellen Ideologie liefern dafür Erklärungen:

Die erste Erklärung lautet, dieser Mensch sei halt noch auf dem Weg, sich zu finden, noch unentschieden.

Bei Jugendlichen könnte man das so stehenlassen, aber mit 60? Das ganze Leben ein Irrtum? Eine Frau geheiratet und Jahrzehnte mit ihr zusammengelebt, Kinder aufgezogen und das alles aus Versehen?

Und wenn sie/er aber nach Jahrzehnten mit Partnern des gleichen Geschlechts sich zum anderen Geschlecht bewegt, was dann?

 

Die zweite Erklärung ist die, er (sei es mal ein Mann) gebe sich zwar (auch) mit Frauen ab, aber "eigentlich" sei er doch schwul.

Was heißt da "eigentlich"?

Jeder Mensch ist "eigentlich" ein Huhn – das nur rein zufällig keine Flügel, Federn usw. hat, aber was juckt uns das?

 

 

Falsch ist:

"Die sexuelle Identität ist fix und alles andere ist nur eine Abweichung."

 

Richtiger wäre:

"Ein Mensch kann in seiner Ausrichtung auf Partner des gleichen oder anderen Geschlechts mehr oder weniger konstant und mehr oder weniger variabel, veränderlich sein. Er kann mehr oder weniger Partner des immer gleichen Geschlechts bevorzugen oder mehr oder weniger häufig beim Geschlecht der Partner wechseln – oder auch Partner verschiedenen Geschlechts gleichzeitig haben.

Dieser Drang oder Zwang zur "Fixierung des Geschlechts der Geschlechtspartner" mag größer oder kleiner sein. Ich vermute, daß er eher kleiner ist, aber darauf kann ich in diesem Artikel nicht weiter eingehen —


Entscheidend ist die Sichtweise:


Entweder:

Die Wahl des Geschlechts der Partner ist grundsätzlich offen, das heißt sie ist bei jedem Individuum und in jeder sozialen Situation mehr oder weniger eingeschränkt, aus verschiedenen inneren und äußeren Gründen, zum Vorteil oder Nachteil des Betreffenden

– womit er und seine Umwelt sich dann ganz konkret auseinandersetzen können –

 

Oder:

Zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens stellt er und/oder seine Umwelt fest "du bist schwul, lesbisch, hetero" und er glaubt daran

– richtet sein Leben nach diesem Glauben aus, kämpft mit sich, quält sich, verzichtet, verengt sein Leben und das alles für einen Denkfehler.

 

 

Historischer Ausflug Nr. 2 : Die Entstehung der gegenwärtigen Konstellation

Ideologien wie die christliche haben die Natürlichkeitslehre und die Fortpflanzungslehre der Sexualität in ihr System eingebaut, nicht zuletzt zur Unterdrückung der Frau, aus traditionellen wie ökonomischen Gründen.

Menschen, die homosexuelles Verhalten zeigen, sind dann Feinde des Systems, entweder einfach deshalb, weil sie sich nicht an die Regeln halten, weil sie das Weltbild in Frage stellen oder aus anderen Gründen.

Als Reaktion auf diese Unterdrückung haben Menschen wie Havelock Ellis und Magnus Hirschfeld zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Theorie aufgestellt, Menschen, die homosexuelle Handlungen begehen, seien nicht Sünder, Häretiker, Kapitalverbrecher, sondern arme Kranke oder vom Schicksal geplagte, die (leider) nicht anders könnten, mit denen man Mitleid haben müsse, anstatt sie zu bekämpfen.

Diese Auffassung hat sich bis heute weit verbreitet, allerdings weniger in Systemen wie dem christlichen oder islamischen Fundamentalismus, welche die Integrität ihres Weltbildes ohnehin höher stellen als das Wohl von Menschen.

In der schwul/lesbischen Befreiungsbewegung und im verständnisvollen Entgegenkommen eines Teils der westlichen Mediziner und Psychologen wurde der Krankheitsgedanke dann zurückgedrängt zugunsten einer positiven Sicht der Partnergeschlechts-Fixierung und einer an die Partnergeschlechts-Fixierung gebundenen Identität.


Ende des historischen Ausflugs Nr. 2 und weiter:

Ich will hier nicht weiter eingehen auf die Vorteile, die eine Festlegung auf ein Geschlecht der Partner auch ohne vollständige Monogamie für den Einzelnen mit sich bringen kann, diese gibt es.

Noch will ich den Wert der Heranbildung einer schwul/lesbischen Identität und neuerdings auch einer bisexuellen Identität für den Einzelnen und die ganze Bewegung bestreiten und den Nutzen, den sie als Waffe im politischen Kampf schon gebracht hat.


Aber Identität, gegründet auf eine Festlegung oder Einengung auf ein Geschlecht, kann einen ganz unterschiedlichen Charakter haben.

Sie kann mein Gerüst für mein Leben sein, das ich mir ganz bewußt selbst geschaffen habe, dessen Beschränkungen ich selbst handhabe und das ich ebenso frei jederzeit wieder aufgeben kann.


Oder sie kann ein Sturz sein. Ich stolpere und falle in eine von zwei Höhlen, außerhalb derer es scheinbar keine Lebensmöglichkeit gibt, auch wenn das für mich vielleicht die Wahl zwischen Feuer und Wasser bedeutet.

 

Die Anerkennung einer dritten Identität würde das Problem nur um ein Stück verschieben

— von zwei hin zu drei bewohnbaren Höhlen. Außerhalb dieser Höhlen "ist es kalt".

Das geht dann los mit der Frage: "Wer ist eigentlich ein richtiger Bisexueller?". Von da aus können wir diese Spielchen beliebig weitertreiben.





Brauchen wir ein drittes Gefängnis?

Wollen wir die Bisexualität als eine dritte "-tät" mit neuen Grenzen, Regeln, Unterteilungen, Sektenbildung, Gruppenzwang, Sanktionen, Gehirnwäsche, Gesinnungsterror, Wohlanständigkeit, Opportunismus, Karrierestreben, Selbstverleugnung?


Bi ist subversiv. Bi hat das Potential, die starren Schranken der Gefängnisse, früher war es ein Gefängnis, jetzt sind es zwei, in Frage zu stellen.

Bi kann ein Werkzeug zum Zerstören unserer Gefängnisse sein.


Dann können wir sagen, Bi ist ein Weg zur Freiheit.


bi ist frei